
Vorwiegend Regen, ab und zu ein rotes Buslicht, meistens Sonne. Ende Juni stand auf dem Bike-to-work-Dashboard eine Zahl, die ich zwei Mal gelesen habe: 1’172 Kilometer. Ein Kollege bei mir im Team hatte 724, der Dritte 698. Ich hatte keine Ahnung, dass ich so weit vorne lag. Aber die Kilometer waren echt.

Ich fahre für die SCHOTT Pharma in St. Gallen, in der Gruppe PP-T Vision Engineering. Bike to work heisst dort: zwei Monate Mai und Juni, 27 Kolleginnen und Kollegen, 7 Teams. Zusammen sind wir 9’436 Kilometer gefahren, ein Veloanteil von 77 Prozent. Das sind Zahlen, hinter denen ganz normale Arbeitstage stehen. Wecker um halb sechs, kurz nach acht am Platz.
Die Route
Am Morgen zuerst dem Rheindamm entlang. Wer den Weg kennt, weiss: die halbe Stunde ist Belohnung, nicht Sport. Vor mir das Naturschutzgebiet, Nebelfelder über den Feuchtwiesen, ab und zu ein Reiher. Ich habe morgens oft angehalten, weil das Licht so gut war, dass man sonst nichts davon mitgenommen hätte.


Der Ernst kommt in Goldach. Vom Bodenseeufer auf etwa 400 Metern hoch nach St. Gallen auf rund 670 Meter. Sieben Kilometer, 270 Höhenmeter. Klingt harmlos. Ist es nicht. Es gibt Rampen, die deutlich über zehn Prozent gehen. Mein E-Bike steht dort teilweise bei 7 km/h, ich strample voll rein und der Motor tut, was er kann. Wer sagt, ein E-Bike sei kein Sport, war noch nie im Sommer bei 25 Grad auf dem Weg von Goldach nach St. Gallen.
Die Stadt
In St. Gallen wird es ehrlich anstrengend. Da hilft kein Motor. Autos, Busse, eine Ampellandschaft, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheint. Ich habe in zwei Monaten schätzungsweise 14 rote Ampeln überfahren. Nicht aus Trotz. Sondern weil die Ampel eine Minute rot war, für einen Fussgänger, der gar nicht kam, auf einer Strasse, auf der niemand fuhr. Im Fluss zu bleiben, war die sicherere Entscheidung als das plötzliche Anhalten und Weiterfahren im dichten Verkehr danach.

Zweimal wurde es enger. Einmal von einem Bus in einen Busch gedrängt, weil der Fahrer eine Verkehrsinsel umfahren musste und mich rechts nicht sah. Und einmal angehupt, weil ich in der Busspur war und die Velo-Ampel rot hatte, für den Bus aber alles offen war. Solche Wege sind das eine.
Das andere: nach einer Baustelle habe ich einen Bus vorgelassen. Der Fahrer hat auf seinem Front-Display kurz ein “DANKE” mit lachendem Gesicht laufen lassen. Ein Wort. Aber es reicht, um eine ganze Woche schlechter Ampeln zu ersetzen.
Der Chörbli
Hinten am Velo sitzt ein selbst gebauter Korb aus Alu-Winkeln und einem alten Möbelboden. Auf dem Cockpit zwei Handy-Halterungen von Temu, die halb zerlegt in zwei Wochen ankommen und dann trotzdem funktionieren. Auf der Rückfahrt oft Reggae aus einem kleinen Lautsprecher. Ein Kollege hat mich dafür einmal “Chörblifahrer” genannt. Ehrenpreis.

Der Alltag dahinter
Ich verschweige nichts: 5:30 aufstehen, um 8 im Geschäft zu sein, ist nicht romantisch. Und die 90 Minuten Heimfahrt am Abend fehlen irgendwo. Man kommt nicht mehr um sieben nach Hause und macht noch was Ordentliches. Man kommt um halb acht, staubig, und die Wolle im Sattel ist keine Metapher. Der Po tut nach zwei Wochen so weh, dass jede Ankunft eine Erlösung ist.
Und trotzdem: es waren die besten zwei Monate, die ich im Rheintal je hatte. Sonnenaufgänge über den Wiesen, alte Schulkollegen unterwegs getroffen und eine halbe Stunde geplaudert wie mit zwanzig, das Rauschen der Autobahn, wenn man aus St. Gallen runterfährt und einfach laufen lässt. Kopf wird leer, Beine werden stark.
Was am Ende zählt
1’172 Kilometer. Rund 20 Kilometer im Tagesschnitt, wenn man Wochenenden und Regentage rauszählt. 1’359 Kilogramm CO₂, die unser Betrieb nicht in die Luft geblasen hat. Ein 1. Platz, den ich vor allem meinem Chörbli, dem E-Motor zwischen Goldach und St. Gallen und dem freundlichen Busfahrer zu verdanken habe.
Und im nächsten Jahr wieder. Der Sattel wird bis dahin kein Freund geworden sein. Der Weg schon.
Drei kurze Ausschnitte
Anfang Juni: Regenfahrt-Selfie. Die Brille beschlägt, der Helm tropft, kommentiert wird trotzdem.
Mitte Juni am Berg: 26 km/h laut Display, 1’137 km Streckenzähler, links ein Auto, vorne die nächste Kreuzung.
Ende Juni, Rückweg im goldenen Abendlicht. Kiesweg, freie Bahn, KTM Macina Scout.